New York City

Würden wir uns heute begegnen, ich wüsste nicht, was ich sagen sollte. Eine dicke Staubschicht liegt über der Zeit, in der wir unsere Schlachten gemeinsam geschlagen haben, in der wir Seite an Seite kämpften. Erinnerungen an dich wirken wie Erinnerungen an ein anderes Leben. Ein Leben, vollgestellt und unübersichtlich wie ein komplett überladener Antiquitätenladen.

Liebe und Hass stehen vertraut aneinander angelehnt, als würde das eine ohne das andere seinen Halt verlieren. Wut neben tiefer Zuneigung, Enttäuschung neben einer Hoffnung, die niemals erlöschen möchte. So viel Schmerz und so viel Glück, dass es unmöglich ist, eine klare Linie dazwischen zu ziehen.

Dieser staubige, nach modrigem Holz riechende Raum lässt einem kaum Luft zum Atmen. Wer in diesem verdunkelten Zimmer atmen will, muss raus und wer raus will, muss seine Füße bewegen.

Auch wenn ein einzelner falscher Schritt genügt, um eine im Chaos endende Kettenreaktion auszulösen: Ich will nichts mehr, als endlich wieder Luft zu bekommen. 

 

Die ersten zaghaften Schritte im hinteren Ende des Raumes führen mich zu einem klobigen Holzschrank. Noch immer bin ich viel zu neugierig, um nicht den kleinen goldenen Schlüssel um seine eigene Achse zu drehen, bis dem zierlichen Schloss ein klar vernehmbares Klacken entweicht. Langsam öffne ich die Türe, zwischen Spinnweben und Staub fällt mein Blick auf einen Stapel Papier.

Behutsam nehme ich die vergilbten Seiten aus dem Schrank heraus. Verziert mit feiner schwarzer Tinte erzählen sie mir die Geschichten deiner schlimmsten Zeiten. 

Mucksmäuschenstill ist es, als alles zurück kommt. Alles, was meinem Herzen damals das Gefühl gab, über den rauen Asphalt geschleift worden zu sein.

Der Frühlingstag im April, als eine Nachricht von dir meinen Handybildschirm und meine Augen nahezu simultan zum Leuchten brachte. Direkt vor meiner Nasenspitze lagen die Worte, die ich noch nie gehört hatte, Worte, die ich mir von dir mehr als von jedem anderen Menschen auf der Welt wünschte.

„Ich habe mich in dich verliebt“.

Noch heute sehe ich mich in dem schmuddeligen Bus zu mir nach Hause sitzen, wie meine Augen an diesen Worten klebten und mein Herz schlug wie nie zuvor. Und noch heute spüre ich mich zerfallen, als siebenunddreißig Minuten später eine weitere Nachricht von dir kam. Sie bestand nur aus zwei Worten. Zwei Worte, die seitdem, eingebettet zwischen Helene Fischer und allem was Donald Trump von sich gibt, auf der Liste mit Dingen stehen, die ich einfach nicht mehr hören kann.

„April, April!“

Das war das erste und wahrscheinlich auch einzige Mal, dass ich dich wirklich gehasst habe. Regelrecht schlecht war mir danach. Ich fühlte mich, als wäre ich ungebremst auf dem Boden aufgeschlagen, nachdem du mir mitten im Flug gen Wolke sieben die Flügel abgeschnitten hast. Auch jetzt, viereinhalb Jahre später, huscht nicht einmal die Andeutung eines Lächelns über mein Gesicht. Was zur Hölle hattest du dir dabei gedacht?

 

All dem Hass, all der Wut zum Trotz: Einen Winter später waren wir stärker zusammengewachsen als jemals zuvor. Eine Handvoll Streitereien war dem ersten April noch gefolgt, doch als du an diesem Morgen im Dezember weinend an meine Schulter gelehnt neben mir in der Turnhalle saßt, waren sie kaum mehr als ein verblasstes Polaroid in einer Ecke meines Gehirns.

Zufällig habe ich deinen Freund mit seiner Ex, deiner eigentlich besten Freundin, auf dem Fahrrad gesehen. Dadurch entfaltete sich die vielleicht verzwackteste Liebesgeschichte des Jahres, an deren Ende du ohne Freund und ohne beste Freundin dastandest, während die beiden ihrer falschen Liebe noch eine weitere Chance gaben.

Mir selbst ging es nicht viel besser, mein Herz gehörte damals einer guten Freundin von mir, die meine Gefühle jedoch nicht erwiderte.

Im Endeffekt hielten du und ich uns in diesen Wochen und Monaten die Hand, wenn es anders nicht mehr auszuhalten war.

Gestrauchelt war ich in diesen Zeiten oft, doch ich stürzte erst wieder, als du im Februar meine Hand endgültig losließt.

Ungläubig stand ich da, während du mir versucht hast zu erklären, dass du jetzt doch wieder mit deinem Ex zusammen bist. Er wollte nicht, dass ich mit dir befreundet bin und so wurde ich von dir aus deinem Leben geschnitten wie ein unwillkommener Leberfleck.

Was brachte es mir, dass du die warst, die mich so lange am Leben gehalten hat, nur um dann die zu werden, die mich fallen lässt, wenn ich sie am dringendsten brauchte?

Und was bringt es mir heute, immer noch sauer zu sein deswegen?

Nichts. Nichts außer Bauchweh und Kopfschmerzen.

 

Langsam lasse ich den Papierstapel sinken. Ich stehe vor einer Entscheidung. Lege ich die Seiten zurück? Oder nehme ich sie mit, lese sie wieder und wieder, wie ein Prediger die ewig selben Verse?

Natürlich ist es immer einfacher, einen Groll zu hegen, anstatt weiterzugehen und auch Schmerzliches zu verzeihen. Nur weiß ich ganz genau, dass ich nicht mein Leben lang mit dieser Wut im Bauch herumlaufen will. All die schlechten Worte, die mir auf der Zunge liegen, sie schmecken mir nicht mehr.

Viele denken, dass man Wut entweder herunterschlucken kann oder sie der betreffenden Person an den Kopf schleudern kann. Beides habe ich versucht, beide Male bin ich schrecklich gescheitert.

Doch es gibt noch einen dritten Weg, wie ich durch unsere gemeinsame Lieblingsserie gelernt habe: Man muss die eigene Wut nicht zwingend an die Wand malen oder unter den Teppich kehren. Man kann sie auch einfach loslassen. Sie dem Wind hingeben, bis sie nichts weiter ist als ein Punkt am Horizont, den man nach dem ersten Blinzeln auch nicht mehr auszumachen vermag.

Mir ist klar, was ich zu tun habe. Kurz zögere ich, doch dann beginne ich, die Seiten zu zerreißen. Zu meinen Füßen wächst ein irreparabler Haufen Schnipsel heran. Nachdem sich der letzte Fetzen Papier zu den anderen gelegt hat, setze ich meinen Weg fort.Die Holzdielen knarzen unter jedem meiner Schritte, egal wie achtsam ich auftrete. Bald fällt mein Blick auf ein verstaubtes Bild, das einsam auf einer Kommode steht.

Der Ärmel meiner Jacke beseitigt einen großen Teil des Staubes, hinter dem Glas wartet ein Junge, der mir entgegenblickt. Ich erkenne mich selbst nur schwer. Damals, in meinen schlimmsten Zeiten, sah ich noch ganz anders aus. Zusammengekauerte Haltung und tiefe Ringe unter Augen, die für mein Alter viel zu besorgt dreinblickten. Als hätten sich meine Depressionen in mein Gesicht gemalt.

Mir fallen all die Male ein, in denen ich einen Streit vom Zaun gebrochen habe, weil du für meinen Geschmack zu lange beim Antworten auf meine Nachrichten gebraucht hast. Die ganze Respektlosigkeit, die ich dir entgegengebracht habe, jeder gemeine Kommentar über dich.

Nachdem unsere Freundschaft wohl endgültig vorbei war, bin ich wahnsinnig verletzend geworden, habe hinter deinem Rücken mehr schlechte Worte verloren, als irgendwer in seinem Leben verlieren sollte. Je verletzter ich war, desto verletzender wollte ich werden. 

Am Rahmen ist ein kleiner, mehrfach zusammengefalteter Brief befestigt, den ich vorsichtig abmache. Schon nach der Hälfte der ersten Zeile erinnere ich mich an den Inhalt. Die letzten Worte, die ich bis heute an dich gerichtet habe.

Mit jeder weiteren Zeile dreht sich mir der Magen ein kleines bisschen mehr um und als ich am Ende angekommen bin, steht er vollends kopf. Grundgütiger, was hatte ich mir nur dabei gedacht?

Sicher herzlich wenig, denn das, was ich da aus eigentlich unschuldigen Buchstaben formte, war dir gegenüber maßlos ungerecht. 

Ursprüngliches Ziel war es gewesen, dir all deine Worte und Taten, welche ich als schmerzhaft empfunden habe, zurückzugeben. Nicht im Sinne von Rache, sondern es wortwörtlich so zu formulieren. Alles aufzählen und dazu sagen „Das kannst du alles wieder haben, ich brauche es nicht mehr“.

Grundsätzlich mag das eine gute Idee sein, ein Ansatz, der wirklich helfen kann. Aber nicht, wenn man dabei genauso verletzend wird wie die andere Person oder sogar noch schlimmer.

Verdammt, ich habe so getan, als wärst du nie für mich da gewesen, als hättest du dich einen Dreck um mich geschert. Ich weiß, dass das nicht stimmt und ich hätte es auch damals wissen sollen.

Ob du mir jemals verzeihen kannst? Ich weiß es nicht. Worte die gesagt wurden, Worte die gehört wurden, kann man nicht einfach so vergessen. Sie lösen sich nicht in Luft auf, egal wie sehr man es sich auch wünscht, das wissen wir beide gut genug. Ich falte den Brief wieder zusammen und lege ihn auf die Kommode.

Das Bild lasse ich stehen, seine Zukunft liegt nicht in meinen Händen. Wenn du es eines Tages zerbrechen willst, werde ich für dich die Scherben aufkehren.

 

Ich stehe in der Mitte des Raumes, allmählich vermischt sich das spärliche Licht der Funzeln mit dem Tageslicht, das durch das Fenster der Auslage hereindringt.

Mein Blick bleibt an einem kleinen Büchlein hängen, dessen Einband ein blühender Kirschbaum ziert. Ich kann nicht anders, als zu lächeln, während ich durch die handschriftlichen Tagebucheinträge blättere. Erinnerst du dich noch an den Sommerabend vor meinem Geburtstag, an dem wir stundenlang miteinander geschrieben haben und ich die Welt um mich herum beinahe vergessen hätte? An all die Gespräche über unsere Träume von New York City und Los Angeles? Hier stehen all die schönen Worte, die du mir ins Ohr geflüstert hast, wenn der Lärm der Welt mich fast zum Umkippen gebracht hätte. All der Schmerz, den du nicht verschwinden lassen, aber wenigstens lindern konntest. Jeder erhöhte Herzschlag, weil du nach meinem Arm gegriffen hast, jeder Blick den du erwidert hast, jedes Lächeln, das du mir entlocken konntest wenn mir nicht danach war.

Jemand, der nur dieses Büchlein liest wäre sich sicher, dass du das Beste bist, was mir jemals passiert ist.

Das Tagebuch wird ein neues Zuhause bekommen, zurücklassen möchte ich es nicht in dieser unbehaglichen Umgebung. In der Innentasche meiner Jacke findet es geradeso Platz. So gehe ich etwas schwerer an Gewicht, doch leichter im Herzen, weiter in Richtung Ausgang.

 

Auf dem Weg dorthin fällt mir ein Röhrenfernseher auf, der seine besten Jahre sicher schon hinter sich hat. Unermüdlich flimmernd ist er Beweis dafür, dass auch ich meine guten Momente hatte, in denen ich mich um dich gekümmert habe. Wie damals in unserem ersten Sommer, als deine Oma verstarb. Wenn auch nicht immer erfolgreich, habe ich es zumindest versucht, dich ein wenig aufzuheitern oder dir die Hausaufgaben geschickt, damit du dich nicht damit herumschlagen musst. Jungen, die dich schlecht behandelt haben, Freundinnen, die nur hinter dir standen, um ihre Messer in deinem Rücken zu versenken. Eltern, die sich viel zu oft gestritten haben, Lehrer, die dich unterschätzt haben. In gedämpft bunten Bildern sehe ich ein weiteres Mal die ganzen Stunden, in denen ich einfach neben dir saß, dir zugehört und nach bestem Wissen versucht habe, dir beizustehen. Und weißt du, dass ich nicht nur in dich, sondern auch in deinen Gesang verliebt war? Unzählige Male ließ ich ihn durch meine Ohren fließen, noch öfter habe ich dich dafür gelobt, selbst wenn du es mir nie wirklich geglaubt hast. 

So gerne ich ihn auch mitnehmen würde, der Fernseher ist zu sperrig. Allzu sehr kann ich mich jedoch nicht daran stören, denn ich habe es geschafft. Ich bin am Ende meines Weges angekommen. Die Türklinke schon fest umklammert drehe ich mich noch ein letztes Mal um, fühle ein letztes Mal die beklemmende Atmosphäre des Raumes. Ich spüre das Tagebuch an meiner Brust und atme aus. Dann drücke ich die Klinke nach unten und stehe draußen in der kühlen Herbstluft.

 

Es sind jetzt zwei Jahre vergangen seit unserem letzten Kontakt und noch ein paar Monate mehr, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben. Viel habe ich nicht mehr aus deinem Leben mitbekommen, nur eine Sache war noch von wirklicher Bedeutung für mich.

Nachdem die Schulzeit vorbei war, hast du es tatsächlich geschafft, eine Zeit lang in New York City zu leben.

Als ich davon gehört habe, waren die Wut, die Missgunst, all die dunklen Gestalten, die meinen Körper durchwühlten, für einen Moment still. Alles was ich fühlte, war Freude. Freude darüber, dass du dir tatsächlich den Traum erfüllt hast, über den wir so oft geredet haben. Selbst wenn es nur für eine Weile war.

Und wenn ich an all die Erinnerungen denke, dieser unendliche Kosmos aus Geschichten, die zwischen uns und wegen uns passiert sind, dann ist mein Problem vom Anfang eigentlich recht leicht zu lösen. Würden wir uns heute nochmal begegnen, ich wüsste genau, was ich dir sagen würde.