Auf anderen Wegen

 

 

»Ziemlich genau zehn Minuten nach meiner fachmännischen Einschätzung, dass

die Wolken über uns im Tal nebenan abregnen würden, begann es in

unserem Tal zu regnen und das auch nicht zu wenig.«

 

 

Wäre diese Geschichte ein Asterix-Comic, dann würde sie womöglich so beginnen: Wir schreiben das Jahr 2018, ganz Deutschland hegt und pflegt eine Kultur der Pünktlichkeit, für die es weltweit Anerkennung und Bekanntheit erlangt hat. Ganz Deutschland? Nein! Ein unbeugsames Unternehmen namens „Deutsche Bahn” hört nicht auf, erbitterten Widerstand zu leisten, und so ist das Leben nicht einfach für unsere vier Protagonisten...

 

Aber jetzt mal alles der Reihe nach: Mir war von vornherein klar, dass der Verlauf des ersten Tages schon richtungsweisend dafür sein kann, wie der Rest dieser Alpenüberquerung wird. Man möchte ja mit einem guten Gefühl starten, nicht schon am ersten Tag ausgelaugt oder von Frustrationen geplagt sein. „Wäre, wäre, Fahrradkette“, wie der Hobby-Philosoph und Deutschpoet Lothar Matthäus jetzt sagen würde. Die Bahn kam nicht wider Erwarten sondern wie erwartet deutlich zu spät und wir dementsprechend deutlich zu spät nach Oberstdorf, unwissend, wie sehr wir unsere Planung die kommende Woche noch um die Ohren gehauen bekommen würden.

Die ersten Kilometer der ersten Etappe flogen förmlich an uns vorbei, kaum Höhenmetern und einer kontinuierlich abwechslungsreichen Umgebung sei Dank. Der eigentliche Aufstieg, der nach der Hälfte des Weges begann, war unerwartet anstrengend und traf mich in etwa so wie eine unangekündigte Stegreifaufgabe in Mathe. Selbst ohne unseren vollkommen unnötigen Exkurs durch ein Brennnesselfeld wäre es schon mehr als genug gewesen, aber dieser aus mangelnder Ausschilderung resultierende Umweg war irgendwie mein Anfang vom Ende. Und wie sehr das Lesen bzw. nicht Lesen von Schildern uns noch schaden würde, das wusste ich da noch gar nicht.

All die schönen Impressionen der ersten Kilometer wurden mit zunehmender Erschöpfung und Anstieg des Weges mehr und mehr ein Ding der Vergangenheit. Bis irgendwann der rettende Schornstein der Kemptner Hütte in der Ferne zu sehen war, war gefühlt eine halbe Ewigkeit an mir vorbeigezogen. Tatsächlich waren es eher drei oder vier Stunden. Die letzten paar hundert Meter wurden fast schon wieder mit so etwas wie Leichtigkeit bewältigt. Ohne die freundliche Unterstützung der Musik von Macklemore und Coldplay wäre das allerdings kaum möglich gewesen.

Auf der Hütte, so war es uns im Voraus schon bekannt, würden wir uns ein Bettenlager mit anderen Wanderern teilen müssen.

Aufgrund unserer verspäteten Ankunft wurden dann, begleitet durch eine Rückerstattung von fünf Euro, die anderen Wanderer zu Schweinen und das Bettenlager zu einem Notlager im Stall.

Auch gut. Die Nacht war gefüllt mit vielen Sorgen, Gedanken, aber nicht mit Schlaf, geschuldet teils zankenden Schweinen, teils Kälte. Und die Angst vor dem was kommt, kann man halt auch nicht mit zwei Scheiben Brot, einem kleinen Kartoffelsalat und zwei Wienerle zum Abendessen herunterschlucken. 

Das Frühstück am nächsten Morgen war auch nicht viel besser, für keinen von uns. Müde sowie leicht hungrig ging es für uns in aller Frühe hoch zum Mädelejoch, hinter dem die deutsch-österreichische Grenze liegt. 

Von dort aus begann ein Abstieg nach Holzgau, den ich rückblickend als die Geburtsstunde eines Großteils meiner Blasen an beiden Füßen bezeichnen würde. Nichtsdestotrotz war die kühle, frische Morgenluft, gepaart mit dem Anblick der dänemark-ähnlichen Vegetation, sicherlich ein besseres Erlebnis als der Tag davor. In Holzgau angekommen, unwillig die gesamten achtundzwanzig Kilometer der Etappe zu laufen, wurde der Bus-Shuttle zum Fortbewegungsmittel erkoren, mit dem wir einige Zeit später wohlbehalten an der Materialseilbahn ankamen, ungefähr so wie der Martini von James Bond. (Durch)geschüttelt, nicht gerührt. 

Trotz technischer Probleme der Materialseilbahn konnten wir unsere Rucksäcke, die durch meinen Verschleiß an Blasenpflastern gefühlt eh schon die Hälfte ihres Gewichtes verloren hatten, hoch zur Memminger Hütte fahren lassen. Die 1200 Höhenmeter, die vor uns lagen, waren auch ohne Gepäck Herausforderung genug. Mit meiner Plastiktüte in der Hand, gefüllt mit einer Scheibe Brot, zwei Flaschen Wasser, einigen Energie-Riegeln und der Hoffnung auf einen gnädigeren Anstieg, fühlte ich mich irgendwie nicht sonderlich gut vorbereitet. Da musste ich dann aber an Lemony Snicket denken, der einst sagte: „Wenn man immer nur wartet, bis man bereit ist, dann wartet man für den Rest seines Lebens”. Und nachdem mein Rucksack bereits auf dem Weg nach oben war, dachte ich mir, was soll’s, hilft ja nichts und nahm die Verfolgung auf.

Der Enthusiasmus allerdings, der einem solchen Aufbruch ja oft innewohnt, verflog in etwa so schnell wie eine Schar Tauben, an der man mit einem besonders lauten Moped etwas zu schnell vorbeifährt. Aber ohne einen Weg zurück gibt es eben meist nur den Weg nach vorn und so gingen wir einen immer noch langen Weg, wie man einen immer noch langen Weg eben geht:

Einen Schritt nach dem anderen.

 

Wir entfernten uns immer weiter vom Tal, ohne jedoch dem Ziel sonderlich näher zu kommen, zumindest war das der Eindruck. Nach der Hälfte oder zwei Dritteln des Weges kamen wir an einem Bach vorbei, der neben dem sehnsüchtig erwarteten, kühlen Nass auch die Erkenntnis des Tages mit sich führte: Wasser aus einer biologischen Kläranlage schmeckt gar nicht mal so schlecht, denn der bittere Nachgeschmack entsteht eigentlich erst dann, wenn man einige Meter weiter oben am Hang die falsch herum aufgestellten Schilder erblickt. „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker!” dachte ich mir und überhörte dabei wohl das hämische Lachen des Schicksals. Aber so wie auch die meisten anderen Dinge im Leben greifbar werden, wenn man nur lang genug auf sie zuschreitet, so erschien auch die Memminger Hütte irgendwann vor unseren Augen. Dort angekommen entschied ich mich, meinem gesunden Menschenverstand und dem Mangel an warmem Wasser zum Trotz dazu, mich zu duschen. 

Immerhin, das wirklich eisig kalte Wasser ermöglichte es mir, Tonhöhen zu erreichen, an die ich selbst durch jahrelanges Gesangstraining nicht einmal im Traum denken kann. Auf dieses schon eher unangenehme Erlebnis folgend regte sich dann der dringende Wunsch in mir, wenigstens einen kleinen Teil des versäumten Schlafs der vorangegangenen Nacht bereits am Nachmittag nachzuholen.

Diesem Wunsch wurde widerstandslos nachgegeben, kaum eine halbe Stunde später fanden sich auch die anderen drei aus der Gruppe neben mir in unserem Bettenlager wieder, hauptsächlich aus Mangel an alternativen Beschäftigungen.

Das Abendessen entwickelte sich ebenfalls zu einem eher durchwachsenen Erlebnis, ich war zu erschöpft, sowohl psychisch als auch physisch, als dass ich hätte viel essen können. Lecker war es aber, das muss man lassen. Den Rest des Abends saß ich für mich allein draußen vor der Hütte, mit Blick auf den Weg des nächsten Tages und bemerkte zum wiederholten Male, wie enorm wichtig Musik für mein Wohlbefinden ist. Ein paar Lieder waren tatsächlich in der Lage, den tosenden Ozean aus Emotionen in mir in einen ruhig plätschernden Bach zu verwandeln, der ganz sicher nicht aus einer biologischen Kläranlage kam. Die folgende Nacht war besser, gänzlich ohne streitende Schweine aber fast schon etwas befremdlich.

 

Der Anstieg zur Seescharte, nicht allzu lang nach Sonnenaufgang, zögerte enttäuschend kurz damit zu beweisen, warum er als einer der anspruchsvollsten Abschnitte der Wanderung gilt. Ohne die Musik von Snow Patrol wäre ich wahrscheinlich neben einem der Bergseen verendet, so allerdings stand ich am Ende doch tatsächlich in einer vielleicht einen Meter breiten Lücke zwischen den beiden Tälern, mit einem Ausblick, der so fantastisch war, dass er sich nur schwer beschreiben lässt.

Nach einer kleinen, aber wohlverdienten Pause ging es für uns 1800 Meter hinab ins Tal nach Zams, eine ewige Rutschpartie über Geröll, die auch noch nachhaltig Spuren hinterlassen hat. Auf halber Höhe des Abstiegs wurde dann mal wieder bewiesen, wie gern die Österreicher anscheinend ihre Schilder falsch herum aufhängen. Nach dem Malheur beim Aufstieg zur letzten Hütte saßen wir diesmal auf einer Alm, die nicht wirklich erkennbar geschlossen war, auch weil bei unserer Ankunft schon so viele andere Wanderer dort waren. Aber wir hatten ja nur das „Privat” Schild übersehen, das natürlich ausschließlich auf der Innenseite der Haustür angebracht war, von außen also nicht einsehbar. Trotzdem muss ich sagen, es war vollkommen angemessen, dass der Besitzer der Hütte sich minutenlang aufregte. Die Schuld lag bei uns. Das nächste Mal einfach einbrechen, um sicher zu gehen, dass man sich ja nicht auf Privatbesitz befindet.

 

Wir brachen also wieder auf, weiterhin bergab wandernd hin zu der Alm, in der wir auch tatsächlich einkehren durften und von allerlei Kühen, Pferden und einem Hund empfangen wurden. Ziemlich genau zehn Minuten nach meiner fachmännischen Einschätzung, dass die Wolken über uns im Tal nebenan abregnen würden, begann es in unserem Tal zu regnen und das auch nicht zu wenig. Unerschrocken kämpften wir uns durch die auf uns herunter prasselnden Wassermassen. Voranschreitend mahnte ich die anderen zur Vorsicht, doch vergaß, selbst auf mich zu hören. Ich rutschte auf einer nassen Wurzel aus und schlug mir meine Knie blutig, doch selbst das konnte uns nicht davon abhalten, unseren Weg unbeeindruckt fortzusetzen.

Bei unserer Ankunft in Zams, gut zwei Stunden später, war es, als hätte es das Sommergewitter nie gegeben. Die Sonne brannte auf uns herab wie gewohnt, der Schweiß stand uns allen im Gesicht. Gestärkt durch Wegzehrung aus fremden Gärten fanden wir den Weg in den Supermarkt, der Einkaufswagen für unsere Besorgungen wurde von der Duschmarke gesponsert, die ich noch aus der Kemptner Hütte übrig hatte. Dann hieß es endlich Seilbahn fahren, einige hundert Meter hinauf zur Skihütte. Dort empfing uns der Hüttenwirt, der außerhalb der Saison wahrscheinlich in einer Reggaeband als Bob-Marley-Imitator sein Geld verdient, mit seiner typisch österreichischen Art, die mir auf der bisherigen Reise fast schon ein wenig gefehlt hatte. Nach dem Abendessen kam es zum akustischen Highlight der Reise, ein Duett-Abend von Paul und mir zu den Klängen von Ed Sheeran, Eminem und Konsorten. Der weitere Verlauf des Abends und der Nacht forderte dann leider aber das erste Opfer der Wanderung (das zweite, wenn man die Ohren unserer Nachbarn mitzählt). Olga hatte sich einen Hitzschlag oder einen Infekt in dem Bergbach oder eine Mischung oder mehr geholt und musste am nächsten Morgen, auch auf Anraten der sehr freundlichen Frau des Bob-Marley-Imitators, von uns ins Krankenhaus gebracht werden. Auf dem Weg in das uns bereits vertraute Tal nahm ich die Möglichkeit wahr, meine eh schon nicht mehr weiße Weste um den Straftatbestand der Sachbeschädigung zu erweitern, indem ich unsere Initialen kaum lesbar in der Holzwand eines Wartehäuschens hinterließ.

Im Krankenhaus wurde bald deutlich, dass Olga uns nicht mehr länger begleiten würde. Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von ihr, denn mit Ausnahme meiner Knie wollten wir übrig gebliebenen die Reise fortsetzen, auch wegen der Flucht vor der Polizei, die uns zu diesem Zeitpunkt sicher schon längst auf den Fersen war.

Also hieß es wieder rein in die öffentlichen Verkehrsmittel, Weiterfahrt zu unserer nächsten Unterkunft, wieder ein Tal weiter. Dort angekommen gab es dann endlich mal eine anständige Mahlzeit, ein klassisches Schnitzel mit Pommes. Der Gedanke, dass das aus den Schweinen sein könnte, die mir Tage zuvor noch den Schlaf geraubt hatten, gab dem Ganzen einen noch besseren Geschmack.

Vielleicht waren es das Schnitzel oder die Telefonate mit meinen Eltern oder der lustige Abend mit dem verbliebenen Rest der Truppe, aber als ich mich an diesem Abend schlafen legte, fand sich in mir eine neue Zuversicht, die in den Tagen davor entweder gar nicht da war oder einfach nur von Angst und Sorgen unterdrückt wurde. Mit der aufschlussreichen Routen-Erklärung der freundlichen Hüttenwirtin im Gepäck liefen wir tags darauf zur Bergbahn, die uns an den Gletscher bringen sollte, auf dessen anderer Seite die Braunschweiger Hütte warten würde. Die 1100 Höhenmeter waren schnell zurückgelegt, trotz meiner schmerzenden Knie lag wieder eine Etappe vor uns, die wir erfolgreich meistern sollten. Der Weg über das ewig alte Eis des Gletschers, das im Licht der Sonne langsam unter unseren Füßen dahinschmolz, war ein wirklich beeindruckendes Naturschauspiel, fast so beeindruckend wie der Sonnenbrand, den meine uneingecremten Beine danach vorweisen konnten (und immer noch können). Noch beeindruckender war aber die Steinwand, die wir uns knapp unterhalb der 3000 Meter hoch hangeln mussten, ungesichert versteht sich natürlich, alles andere wäre ja geradezu langweilig gewesen. Nachdem auch das überstanden war, durfte ich dann endlich meine meisterlichen Jodelkünste unter Beweis stellen. Man munkelt, dass das Echo immer noch darauf antwortet, aus Respekt.

Mit dem Wissen, dass das Schlimmste wohl überstanden war, ging es wieder bergab, fast wortwörtlich kopfüber in eine weitere Lektion der Alpen, warum Unwissenheit manchmal eben doch ein Segen sein kann. Denn der schwierigste Abschnitt lag direkt unter unseren sonnenverbrannten Nasen. Ungesicherte Schieferplatten auf noch mehr ungesicherten Schieferplatten, alles auf, zwischen und unter einer Schicht aus Schnee und Eis. Man hatte ein bisschen das Gefühl, als wäre man im dritten Semester Medizin, wo nochmal richtig ausgedünnt wird, damit nicht alle am Ende auch ankommen. Allerdings kam da in uns der innere John Dorian zum Vorschein und wir fanden uns nahezu unbeschadet im Tal über Sölden wieder. Ein Tal, das wenn Hässlichkeit klein machen würde, mit Leichtigkeit in meine Handfläche passen würde. Ins eigentliche Sölden fuhren wir mit dem Bus, über ungesicherte Straßen zum Schnäppchenpreis von siebenunddreißig Euro ein Erlebnis, das man wirklich verpassen sollte. Ein weiterer Bus, der so verspätet war, dass selbst die Deutsche Bahn neidisch geworden wäre, ersetzte den lästigen Fußmarsch nach Zwieselstein.

Weil die Reise bis dahin noch nicht genug Überraschungen und Planänderungen in unsere Richtung geworfen hatte, erfuhren wir in unserer Unterkunft im Ortskern, dass ich die Rechnung über einhundertfünfzig Euro entgegen meiner Annahme noch nicht beglichen hatte. Für mich persönlich recht unangenehm, für unsere abgemagerten Geldbeutel aber ein purer Alptraum. Allerdings reichte das restliche Geld noch für ein Abendessen im Dorfgasthof, nach der vorangegangenen Krisensitzung auch eine absolute Notwendigkeit. Der Plan, wie er ursprünglich stand, war hinfällig geworden, die Reise um zwei Tage verkürzt. Zum Kotzen fand ich das und Recht gab mir mein Körper spätestens am nächsten Morgen, als ich gefühlt mein halbes Körpergewicht in die Hoteltoilette erbrach. Alexandra und Paul waren zu diesem Zeitpunkt schon zur nächsten Etappe aufgebrochen und ich hatte meinen Bus verpasst. Die liebenswürdige Hotelwirtin hat mich weiter in unserem Zimmer schlafen lassen, bis dann einige Stunden später der nächste Bus in Richtung Italien für mich kam. In Stuls, dem von uns vereinbarten Treffpunkt, fand ich mich dann auch keine zwei Stunden später wieder, nachdem ich mir den Weg aus dem immer voller werdenden Bus gekämpft hatte. Bezeichnend für die Reise war das, was mir dann passierte: Völlig erschöpft von der Hitze und meinem frühmorgendlichen Date mit der Kloschüssel, saß ich an einer Straße, nahe dem Ortseingang von Stuls. Die Unterkunft wollte sich auch nach zwanzig Minuten Suche partout nicht auffinden lassen. Bald kam jemand aus dem gegenüberliegenden Haus und die Antwort auf meine Frage, wo der Unterstuaner Hof denn wäre, hätte nicht unangenehmer und erleichternd zugleich ausfallen können. Ich saß direkt davor.

Eine halbe Stunde später war ich mit Alexandra und Paul wieder vereint, als Resultat einer ausgedehnten Shoppingtour im dortigen Spar gab es ein nahrhaftes Abendessen, bestehend aus Brot und Butter. Nicht, weil es nicht mehr gab, sondern weil ich mehr wahrscheinlich nicht verkraftet hätte. Das Frühstück am nächsten Morgen läutete die letzte Etappe ein, bestehend aus einer Wanderung zur nächsten Bushaltestelle und der Fahrt bis nach Meran. Alpenüberquerung gemeistert, der Begriff an sich hat ja nie impliziert, dass wir das alles zu Fuß machen würden. 

 

Und jetzt sitze ich im Bus, das monotone Brummen genießend, das geradezu gegensätzlich zum Chaos der vergangenen Tage wirkt, während die Berge an mir vorbei ziehen, kleiner anmutend als noch auf der Hinfahrt. Ich frage mich, was ich in den nächsten Tagen antworten soll, wenn mich jemand fragt, wie es war. So einfach lässt sich das nämlich nicht sagen. Wie beschreibt man denn eine Woche, die einem mehr abverlangt hat, als alles zuvor Dagewesene, die einen zum Lachen, zum Weinen, zum Schwitzen und Verzweifeln gebracht hat?

Vielleicht genau so.

Ich bereue nichts, das steht fest und ich werde die Gesellschaft der anderen wirklich vermissen. Wenn man so ein Abenteuer gemeinsam erlebt, ob nur für ein paar Tage, eine Woche oder gar für Monate - man wächst irgendwie zusammen.

Was mich gerade am meisten beschäftigt ist, dass selbst die wirklich schlechten Momente, in denen ich am liebsten auf der Ferse umgedreht und nach Hause gerannt wäre, sich nicht wie solche anfühlen. Denn es waren ja vor allem diese Momente, wegen denen ich jetzt das Gefühl habe, wirklich gewachsen zu sein. Nicht körperlich, da hat mich der Rucksack wahrscheinlich eher den einen oder anderen Zentimeter gekostet, aber charakterlich und emotional dafür umso mehr. Ich habe Dinge vollbracht, die ich nicht für möglich gehalten habe, wir alle haben uns bis an unsere Grenzen und darüber hinaus verausgabt. Darauf bin ich unendlich stolz, auf jeden von uns. Irgendwie haben wir es geschafft, den schon fast als Mainstream abgestempelten E5 von Oberstdorf nach Meran derartig ungewöhnlich zu wandern, dass sicherlich niemand sagen kann, er hätte das erlebt, was wir erlebt haben.

Vielleicht ist „dankbar“ das Gefühl, unter all den Dingen, die ich gerade empfinde, was am besten passt. Denn das bin ich wirklich. Dankbar, dass ich gesund genug war, um die Reise überhaupt anzutreten, mich überwinden konnte, zu so einer wagemutigen Unternehmung einfach mal „Ja“ zu sagen. Und ich bin dankbar, dass ich gesund wieder zurückgekommen bin, ärmer im Geldbeutel, aber einen Reichtum an Erinnerungen und Erfahrungen im Herzen, den ich für kein Geld der Welt wieder hergeben würde.

Jeder kann sich in den Flieger setzen und sich irgendwo an den Hotelpool legen oder eine Großstadt besuchen.

Aber bereits Goethe wusste, was ich jetzt auch nachempfinden kann:

 

 

„Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen.“